GeißbockEcho
Nach sechs Spieltagen stand der 1. FC Köln mit zwei Punkten auf Platz 17 der 2. Bundesliga. Durch kontinuierliche Arbeit und Fokussierung auf die jeweils bevorstehenden Aufgaben konnte sich das Team im Saisonverlauf finden und stetig steigern. Der FC durchlief einen Prozess, der nach dem drastischen Umbruch im vergangenen Sommer zu erwarten war. Mit einer zwischenzeitlichen Serie von 15 ungeschlagenen Spielen war sogar der Relegationsplatz in greifbare Nähe gerückt.
von Frederic Latz
„Die Enttäuschung ist natürlich groß, weil wir wieder die Chance hatten, Platz drei anzugreifen. Aber unterm Strich haben Kleinigkeiten nicht gepasst: Abschlusssituationen, Standardsituationen, sich am Mann durchzusetzen. Das ist eine Form von Qualität, vom Willen und der Konzentration so zu agieren, dass man diese Situationen noch aktiver bespielen kann. Das hatten wir nicht, deshalb haben wir das Spiel auch verloren – obwohl es absolut nicht nötig gewesen wäre. Wütend bin ich deswegen aber nicht auf meine Jungs, denn sie geben immer bis zum Schluss alles, aber das hat leider nicht zum Sieg gereicht.“ FC-Cheftrainer Holger Stanislawski fasst die Gemütslage nach der Partie in Bochum treffend zusammen. Erneut haben rund 8.000 Fans den FC zum Auswärtsspiel ins Ruhrgebiet begleitet. Schon über die gesamte Saison kann sich die Mannschaft auf den zahlreichen und lautstarken Rückhalt der Fans verlassen. Das weiß auch Kapitän Miso Brecko zu schätzen: „Die Fans sollen das Niveau dieses Jahres halten und wir müssen uns steigern.“ Miso spricht beim Ausblick in die Zukunft zu Recht von „wir“, da er nach dem Spiel in Bochum bekanntgab, seinen Vertrag beim 1. FC Köln zu verlängern.
Der Start der Saison 2012|2013 verlief nicht wie erhofft. Das erste Heimspiel musste, aufgrund der Vorkommnisse beim letzten Heimspiel 2011|2012, vor leerer Südtribüne und begrenzt auf das halbe Fassungsvermögen des RheinEnergieStadion ausgetragen werden. Zu Gast bei dieser unrühmlichen Premiere ohne Südkurve war der SV Sandhausen. Nachdem das Auftaktspiel in Braunschweig schon unglücklich verloren worden war, kam der FC beim ersten Heimspiel nicht über ein 1:1 hinaus. Der Saisonstart war misslungen. Auch die folgenden Spiele zeigten, dass die neue FC-Mannschaft noch nicht vollends zueinandergefunden hatte. Zwischenzeitlicher Tiefpunkt war die 1:2-Niederlage nach früher Führung bei Union Berlin. Der FC fand sich auf Platz 17 der Tabelle wieder. Mit dem Heimsieg gegen den FSV Frankfurt am siebten Spieltag begann schließlich der Aufwärtstrend und der FC kletterte in der Tabelle Schritt für Schritt nach oben. „Dann hat die Mannschaft gezeigt, was in ihr steckt“, erklärt FC-Eigengewächs Adam Matuschyk selbstbewusst.
Bewusst wurde das Team von Holger Stanislawski, Jörg Jakobs und Frank Schaefer mit einer Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen Talenten zusammengestellt. Im Tor entschied sich die sportliche Führung dazu, Timo Horn zur neuen Nummer eins zu ernennen, der diese Chance von Beginn an nutzte und mit guten Leistungen untermauerte. Für den Juniorennationaltorhüter, der am Tag des Heimspiels gegen Hertha BSC seinen 20. Geburtstag feiern wird, war es „auf jeden Fall eine erfolgreiche Saison. Ich habe zuvor in der 4. Liga gespielt, und dann habe ich die Chance bekommen, als Nummer eins zwischen den Pfosten des 1. FC Köln stehen zu dürfen. Damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich denke, ich konnte mit meinen Leistungen den Fans und dem Trainerteam auch das Vertrauen zurückgeben.“
Die Niederlage beim VfR Aalen am zwölften Spieltag sollte für eine ziemlich lange Zeit die letzte bleiben. Im Herbst und Winter sowie bis zu den Osterfeiertagen kletterte der FC kontinuierlich in Richtung der vorderen Tabellenplätze. 15 Spiele in Folge blieb das Team ungeschlagen und fand sich nach dem 27. Spieltag sogar auf dem dritten Platz wieder. Eine Woche später stieg dann das bundesweit beachtete Duell zwischen dem FC und dem 1. FC Kaiserslautern auf dem Betzenberg. Hierbei musste sich der FC zwar deutlich sportlich geschlagen geben, aber erneut bewiesen die zu Tausenden mitgereisten Fans auf den Rängen absolute Erstklassigkeit. Dies hinterließ auch bei Holger Stanislawski einen bleibenden Eindruck: „Es kann ein wahnsinniges Plus sein, auf ein solches Fanpotenzial wie hier in Köln zurückgreifen zu können. Für die Fans ist es ein gutes Gefühl, eine Mannschaft zu sehen, mit der man sich identifizieren und über die man sagen kann: ‚Sie macht vielleicht nicht alles richtig, aber sie marschiert für uns.‘ Wir sind eine Einheit geworden und das finde ich unheimlich wichtig. Ein großes Lob an die Fans, die diesen harten ersten Schritt im ersten Jahr des Umbruchs mitgegangen sind und uns unterstützt haben. Natürlich waren sie auch das ein oder andere Mal enttäuscht, aber das gehört dazu, und weil mal gepfiffen wird, fängt auch keiner von uns an zu heulen. Wichtig ist nur, dass man das Gefühl hat: ‚Wir unterstützen die Mannschaft.‘ Es kann die entscheidenden fünf Prozent ausmachen.“
Die derzeitige Schlussphase der Saison hätte für den 1. FC Köln an den Ergebnissen gemessen sicherlich weitaus besser verlaufen können. Sowohl gegen Duisburg als auch gegen 1860 München und den VfL Bochum konnte trotz einer jeweiligen Führung kein Sieg eingefahren werden. Nach der bitteren Niederlage in Bochum konnte indes eine positive Nachricht für die weitere sportliche Planung bekanntgegeben werden. FC-Kapitän Miso Brecko wird auch in der kommenden Saison den Geißbock auf der Brust tragen. Miso ist überzeugt, „dass der Weg, den der FC geht, der richtige ist. Ich will mit dem FC unbedingt aufsteigen. Ich hoffe, wenn nicht dieses, dann nächstes Jahr.“ Die Verlängerung mit seinem Abwehrpartner freut auch Kevin McKenna, der schon im Februar einen neuen Vertrag unterzeichnet hatte: „Es ist ein ganz wichtiges Signal – für die Mannschaft und den Verein. Miso macht einen richtig guten Job und nimmt sein Kapitänsamt sehr ernst. Im Team hatten wir über die Saison keine Probleme, und das ist mit Sicherheit auch sein Verdienst.“ Bereits im November 2012 unterschrieb Adam Matuschyk für zwei weitere Jahre, da auch er an den eingeschlagenen Weg glaubt und ein Teil der FC-Familie bleiben will. Der Verbleib des Kapitäns ist auch aus Adams Sicht ein positives Signal: „Das ist eine sehr gute Nachricht für uns alle, weil er nicht nur unser Kapitän, sondern auch ein zuverlässiger und starker Spieler ist, der seine Leistung immer bringt – nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb des Platzes kann man mit ihm über alles sprechen. So sollte meiner Meinung nach ein Kapitän sein.“
Mit der bevorstehenden Partie gegen den Tabellenführer Hertha BSC steht am vorletzten Spieltag das letzte Heimspiel der Saison an. Das RheinEnergieStadion wird erneut nahezu ausverkauft sein, was den fantastischen Rückhalt durch die FC-Fans mehr als verdeutlicht. Aus sportlicher Sicht ist rein rechnerisch sogar der Relegationsplatz noch möglich. Dass die Chancen viel besser stehen könnten und man sich durch zu viele Fehler um eine bessere Ausgangsposition gebracht hat, weiß auch Holger Stanislawski: „Wir sind der Musik von Anfang an hinterhergelaufen und es war ein unheimlich langer und anstrengender Weg und daher schwer abzuschätzen, ob es am Ende reichen würde. Wir hatten unsere Möglichkeiten, um Platz drei zu festigen, doch gerade unter Drucksituationen sind uns Fehler unterlaufen, die nicht passieren dürfen. Wenn ich an Duisburg denke, da haben wir unsere Torchancen nicht genutzt und gerade gegen 1860 die Führung nicht nach Hause gespielt. Das ist ein Stück weit Qualität, mit solchen Situationen umzugehen, und da sind wir einfach noch nicht so weit. Dennoch werden wir bis zum 34. Spieltag alles raushauen und dann gucken, wo wir stehen.“ Auch Kapitän Miso Brecko stuft die Hoffnung auf „nicht ganz so groß“ ein: „Wenn man in den vergangenen drei Spielen diese Chancen verpasst hat, obwohl wir drei Mal geführt haben, dann sieht es nicht so gut aus. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und so sollen wir weiterhin hoffen.“
Eines ist klar: Die Mannschaft will die Saison mit guten Leistungen abschließen. „Wir haben unser letztes Heimspiel und wollen dem Meister Paroli bieten und zeigen, dass wir nicht so schlecht sind“, drückt es der Trainer aus. „Wir sind ein Team“ steht in großen Lettern auf dem Mannschaftsbus der FC-Profis, der das Team zu jedem Spiel fährt – genau dieser Grundsatz wird beim 1. FC Köln gelebt. Die Fans sind ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Clubs. Kevin McKenna spricht daher für die gesamte Mannschaft: „Wir sind es unseren tollen Fans einfach schuldig, dass wir kämpfen bis zum Schluss.“ Wenn es dann doch nicht ganz reichen sollte, dann hat „Macka“ schon ein Szenario für das kommende Frühjahr vor Augen, und während er es sagt, erkennt man die Entschlossenheit und Vorfreude in seinem Gesicht: „Ich hoffe, dass die Stimmungslage in einem Jahr noch viel besser sein wird als jetzt.“
