Die „Nas“ wird 70
von Dirk Unschuld
Dass Hannes Löhr sich schon früh für den Fußball begeisterte, verdankt er seinem älteren Bruder: Der war Torwart bei Eitorf 09 und das große Vorbild des kleinen Johannes, den alle von Kindheit an nur Hannes nannten. Kaum eingeschult, wurde er Mitglied bei den „09ern“. Von Beginn an als Mittelstürmer eingesetzt, zeichnete sich sein außergewöhnliches Talent schnell ab und war auch durch Berufungen in die Kreis- und Mittelrheinauswahl ersichtlich. Da an eine Laufbahn als Profisportler noch nicht zu denken war, begann Löhr eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Als 18-Jähriger in der 1. Mannschaft der Eitorfer spielend, entdeckten ihn „Scouts“ der Sportfreunde Saarbrücken bei einem Länderpokalspiel mit der Mittelrheinauswahl. Die Saarländer spielten in der Oberliga Südwest, der seinerzeit höchsten deutschen Spielklasse. Neben dem Vertragsspielerstatus bot man ihm an, seine Ausbildung vor Ort beenden zu können. So gab Löhr seine Zustimmung und wechselte 1962 an die Saar. Als 1963 die Bundesliga ins Leben gerufen wurde, „versetzte“ man die Sportfreunde in die Regionalliga Südwest.
Verhandlungen in der Bundeswehr-Kaserne
Löhr wurde Torschützenkönig und bei einem Spiel von Georg Knöpfle beobachtet – dem Trainer des 1. FC Köln. Knöpfle wollte den Torjäger unbedingt nach Köln holen und bat Obmann Heinz Neubauer, die Verhandlungen aufzunehmen. Als sich Löhr wegen seines Grundwehrdienstes als Pionier in der Falckenstein-Kaserne in Koblenz-Lützel aufhielt, nutze Neubauer die Gelegenheit, besuchte Löhr in der Kaserne und sicherte dem FC die Unterschrift des auch von anderen Clubs umworbenen Angreifers. Als Löhr 1964 zum Trainingsauftakt am Geißbockheim erschien, waren die Kölner soeben erster Deutscher Meister der Bundesliga geworden. „Da hat Köln einen guten Fang gemacht“, urteilte Bundestrainer Sepp Herberger, der Löhr als einzigen Regionalligaspieler in den Kader des letzten Länderspiels unter seiner Leitung am 7. Juni 1964 in Helsinki gegen Finnland berufen hatte. Unter dem strengen Übungsleiter Knöpfle brauchte der Linksfuß eine gewisse Eingewöhnungszeit, bis er sich an das höhere Trainingsvolumen und die Anforderungen der Bundesliga gewöhnt hatte. Erschwerend kam eine Verletzung hinzu, die sich Löhr bei einem Spiel mit der Deutschen Bundeswehrauswahl in der Türkei zugezogen hatte. Von seinem ursprünglichen Vorhaben, Maschinenbau zu studieren, verabschiedete er sich. Anfangs noch auf praktisch allen Angriffspositionen agierend, fand Löhr als linker Stürmer, ja fast schon als Linksaußen, seine Idealposition, auf der er bis zum Ende seiner Laufbahn spielte. Sein Debüt im FC-Trikot feierte er passenderweise beim „Ablösespiel“ gegen die Sportfreunde Saarbrücken am 12. August 1964, bei dem er auch das erste von insgesamt 421 Toren für den 1. FC Köln erzielte.
Schon im ersten Jahr beim FC wurde er Deutscher Vizemeister und war einer der Protagonisten beim berühmten „Liverpool Drama“, das die Kölner nach drei Remis endenden Begegnungen per Losentscheid verloren. Mit seinem Treffer zum 2:2 im dritten Spiel in Rotterdam hatte Löhr den legendären Münzwurf erst möglich gemacht. Ab der Spielzeit 1965|1966 war der schnelle, trickreiche Linksfuß endgültig gesetzt und begeisterte die Fans mit einer konstant hohen Torquote. „Wenn man Leistung brachte, spielte man, dann funktionierte auch die Integration völlig problemlos“, sagt Löhr. So schaffte der Liebhaber sportlich schneller Autos auch den Sprung in die Nationalmannschaft: Der Premiere am 22. Februar 1967 in Karlsruhe gegen Marokko (5:1, ein Tor von Löhr), folgten noch 19 weitere A-Länderspiele sowie die WM-Teilnahme 1970 in Mexiko, wo Löhr alle sechs Spiele der DFB-Elf (inklusive der „Jahrhundertspiele“ gegen England und Italien) bestritt und den dritten Platz belegte. International sorgte er nicht nur mit dem DFB, sondern auch mit dem FC für Furore: Insgesamt drei Mal (1969, 1971, 1975) erreichte man zwischen 1969 und 1975 ein europäisches Halbfinale.
Drei verlorene Pokalendspiele
Drei DFB-Pokal-Finalteilnahmen im selben Zeitraum (1970, 1971, 1973) endeten mit Niederlagen gegen Offenbach, Bayern München und Mönchengladbach. Wie einige andere junge Spieler, so wohnte auch Löhr während der ersten Jahre als FC-Profi im Haus Sonnenwinkel in Hürth-Efferen, bevor er in den Haushalt von Frau Klein zog, die „ihren Hannes“ wie eine Mutter betreute. Mit dem Bau eines Mehrfamilienhauses in Eitorf sorgte der clevere Stürmer schon in den 1960er Jahren für die Zeit nach der Karriere vor. Wegen seines etwas überdimensionierten Riechorgans verpassten ihm die Kölner Fans den Spitznamen „de Nas“ – die Mitspieler nannten ihn so jedoch nur selten. Wegen seiner immer gut gelaunten, lustigen Art war Löhr bei den Mannschaftskameraden besonders beliebt. Löhr war das, was man als rheinisches Schlitzohr bezeichnen kann – auf und neben dem Platz, ohne dabei die Bodenständigkeit und den notwendigen Ernst außer Acht zu lassen. 1968 war der 1,76 Meter große Angreifer erster Kölner, der dank seiner 27 Saisontore die Kicker-Torjägerkanone in Empfang nehmen durfte. Im gleichen Jahr wurde er mit den Geißböcken auch DFB-Pokalsieger. Ein Beweis dafür, wie beliebt Löhr war beweist die Tatsache, dass die unweit des Müngersdorfer Stadions befindliche Gaststätte „Haus Marienbild“ ein „Torschützensteak a la Löhr“ auf der Speisekarte führte. Rückschläge brachten den sympathischen Rheinländer nicht aus der Bahn: Eine Lebererkrankung sowie eine Blutvergiftung und eine Lungenerkrankung, die während der Saison 1968|1969 in einem Sanatorium im Schwarzwald behandelt wurde, sorgten für diverse Zwangspausen und die Tatsache, dass die „Nas“ nur 20 A-Länderspiele vorweisen kann. Wie sehr sich sein Fehlen auswirkte, zeigte sich während seiner Kur im Schwarzwald: Der FC geriet ohne Löhrs Tore erstmals in Abstiegsgefahr, konnte erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt sichern. 1967 absolvierte Hannes Löhr an der Kölner Sporthochschule sein Fußballlehrer-Examen, begann anschließend Sport zu studieren. 1975 wollte er seine Karriere beenden und das Training der FC-Nachwuchsmannschaften übernehmen. Doch der im September 1973 nach Köln zurückgekehrte Trainer „Tschik“ Cajkovski überredete ihn, als Lizenzspieler weiterzumachen.
Große Erfolge im Herbst der Karriere
Löhr stimmte zu – eine gute Entscheidung. Im Herbst seiner Karriere durfte der Offensivspezialist noch große Erfolge feiern. Unter dem seit 1976 wieder am Kölner Grüngürtel wirkenden Meistertrainer Hennes Weisweiler wurde er 1977 Deutscher Pokalsiegeger und gewann im Folgejahr das „Double“ aus Meisterschaft und Pokal. Im Februar 1978 ernannte ihn Weisweiler zu seinem Co-Trainer – Löhr behielt das Amt ehe er im August 1980 an den Schreibtisch und somit drei Jahre lang als Sporttechnischer Leiter des 1. FC Köln fungierte. In diese Zeit fällt mit dem DFB-Pokalsieg 1983 der bis heute letzte große Titelgewinn der Geißböcke. Gemeinsam mit seinem Freund Wolfgang Weber bestritt der Mann, der bis heute die meisten Kölner-Bundesligatore (166) erzielt hat, am 27. Oktober 1978 in Müngersdorf sein Abschiedsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft. Im August 1983 entließ er als Manager Trainer Rinus Michels und nahm selbst auf der Bank Platz. Fast drei Jahre lang war der frühere Nationalspieler für die FC-Profis zuständig, konnte den damaligen Erfolgsansprüchen in Form von Titelgewinnen jedoch nicht entsprechen. Als während der Saison 1985|1986 die Resultate vor allem in der Bundesliga immer negativer wurden, kam es im Februar 1986 zum entscheidenden Gespräch zwischen Löhr, Geschäftsführer Michael Meier und Vizepräsident Karl-Heinz Thielen. Löhr pochte auf eine Vertragsverlängerung bis Juni 1987 oder die sofortige Trennung. Letztlich einigte man sich auf eine sofortige Vertragsauflösung inklusive der Zahlung einer stattlichen Abfindung.
Olympiabronze
Untätig blieb Löhr nicht. Schon knapp ein halbes Jahr später ging der frühere Torjäger zum DFB, betreute bis 1990 die Deutsche Olympiaauswahl, mit der er bei den Spielen in Seoul (Südkorea) 1988 die Bronzemedaille gewann. Ab 1990 war Löhr zwölf Jahre lang für die U21-Nationalmannschaft zuständig. Nebenbei führte er gemeinsam mit seiner Ehefrau viele Jahre lang eine Tennishalle in Frechen-Königsdorf. Seit 2002 ist „die Nas“ im „Unruhestand“. So bekleidet er den Vorsitz im Förderverein der Pfarrgemeinde St. Pankratius in Köln-Junkersdorf, der sich um hilfsbedürftige Menschen kümmert und ist Präsident des Golfclubs „Gut Heckenhof“ in Eitorf. Löhr lebt in Köln-Junkersdorf, nicht weit vom Müngersdorfer Stadion entfernt. Dieses besucht er zu jedem FC-Heimspiel, trifft dort viele seiner ehemaligen Mitspieler.
Tennis und Traditionsmannschaft
Seine Freizeit verbringt der Vater einer Tochter (Katrin) mit Vorliebe beim Wandern. Außerdem hält er sich mit Tennis und regelmäßigen Einsätzen in der FC-Traditionsmannschaft fit. Mit 58 Jahren beendete Löhr noch an der Deutschen Sporthochschule Köln sein Studium der Sportwissenschaften. Thema seiner Diplomarbeit war: "Das Bosman-Urteil und seine Auswirkungen auf die Einsatzzeiten junger Spieler".
Pflichtspiele: 505
Tore: 235
Freundschaftsspiele: 219
Tore: 186
Total
Spiele: 724
Tore: 421
Erfolge beim 1. FC Köln
Deutscher Meister 1978
Deutscher Pokalsieger 1968, 1977, 1978
Deutscher Vizemeister 1965, 1973
Deutscher Vizepokalsieger 1970, 1971, 1973
Bundesliga-Torschützenkönig 1968 (27 Tore)
Deutscher Vizemeister 1982 (als Sportdirektor)
Deutscher Pokalsieger 1983 (als Sportdirektor)
UEFA-Cup-Finalist 1986 (als Trainer | im Amt bis Februar 1986)
Sportschau Torschütze des Monats Januar 1976
Laufbahn als Spieler
7 | 1948 - 6 | 1960 SV Eitorf 05 (Jugend)
7 | 1960 - 6 | 1962 SV Eitorf 05
7 | 1962 - 6 |1964 Sportfreunde 05 Saarbrücken
7 | 1964 - 31.01.1978 1. FC Köln
20 A-Länderspiele | 5 Tore für Deutschland (alle für den 1. FC Köln) (1967-1970)
WM-Teilnehmer 1970 (Mexiko)
EM-Kader 1972 (Belgien) (kein Einsatz)
Laufbahn als Trainer
01.02.1978 - 03.08.1980 1. FC Köln (Co-Trainer)
24.08.1983 - 06.02.1986 1. FC Köln
01.07.1986 - 30.06.1990 Deutscher Fußball Bund (Olympiaauswahl)
01.07.1990 - 30.06.2002 Deutscher Fußball Bund (U21-Nationalmannschaft)
Olympiabronze 1988 (Seoul, Südkorea)
Laufbahn als Funktionsträger
04.08.1980 - 23.08.1983 1. FC Köln (Sportdirektor/Sporttechnischer Leiter)
FC-Präsident Spinner: "Gewalttaten durch Dialog vermeiden"
Mittwoch, 04. Juli 2012
